Im Rahmen unserer Erasmus-Fortbildung wurde uns das finnische Schul- und Bildungssystem nähergebracht. In Finnland wird besonders viel Wert auf Bildung gelegt. Mehr als 12 % der jährlichen Staatsausgaben fließen in das Bildungssystem. Die Literalität der Finnen liegt bei 100%, 40 % erreichen höhere Bildungsabschlüsse.
Die Bildung in Finnland ist vollständig kostenfrei. Zudem bekommen alle Schülerinnen und Schüler ein kostenloses Mittagessen. Hierbei wird auf eine vollwertige, gesunde Kost viel Wert gelegt.
Die Schule soll von jeder Schülerin und jedem Schüler ohne größere Umstände erreichbar sein, wofür ein dafür eingerichteter Busverkehr bei größeren Entfernungen zwischen Wohn- und Schulort sorgt. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich sowohl auf dem Schulweg als auch in der Schule sicher und wohlfühlen, um individuell bestmögliche Bildungsergebnisse zu erzielen. Die Zusammenarbeit zwischen den Erziehungsberechtigten und der Schule ist sehr eng angelegt, wobei ein beidseitiges Vertrauen im Vordergrund steht. Die Eltern vertrauen den Lehrkräften als Experten auf dem Bildungssektor und die Lehrkräfte vertrauen den Eltern, dass sie die Schule in ihrer pädagogischen Arbeit zu Hause mit ihren Kindern bestmöglich unterstützen („sense of community and trust between the parents and the teachers at school“). Es besteht außerdem viel Vertrauen in Bezug auf die Beziehung zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern („freedom and trust“). Man setzt mehr auf Vertrauen und Freiheiten statt auf Kontrolle, was sich im Schulalltag, so wie wir es miterleben konnten, sehr bewährt hat und die Schülerinnen und Schüler zu mehr Selbstständigkeit, Selbstvertrauen und Eigenständigkeit führt. Statt auf gezielte Leistungsabfragen und Vergleichsarbeiten oder Abschlussarbeiten hinzuarbeiten, wird im finnischen Schulsystem viel mehr der Fokus auf die bestmögliche Förderung und Lernentwicklung jeder einzelnen Schülerin und jedes einzelnen Schülers gelegt („Every pupil is unique, focus on the child.“), man verfolgt also mehr einen individualisiert prozessbezogenen („focus on learning skills needed later in life and on finding each pupil’s individual strengths“) denn inhalt- und ergebnisorientierten Weg.
Der Unterricht gestaltet sich folglich auch recht abwechslungsreich, d.h. haptische oder handwerkliche Lerninhalte werden genauso verfolgt wie eher kognitive Elemente. So konnten wir im Rahmen unserer Schulbesuche auf einer allgemeinbildenden Mittelschule mitverfolgen, wie Schülerinnen und Schüler z.B. beim „Crafts“-Unterricht aus Holz oder Metall schöne Werkstücke herstellten. In der Berufsschule wurde mit Simulatoren der Umgang mit Holzverarbeitungsmaschinen geübt oder es wurden Lebensmittel zu Konfitüren, Wurst, Käse, Getränke, Kuchen und Torten usw. weiterverarbeitet.
Insgesamt sind die Schulen sehr modern und wohnlich zum Wohlfühlen eingerichtet und ausgestattet.
Dabei dürfen die Aspekte der Nachhaltigkeit nicht zu kurz kommen, denn es wird im finnischen Schulsystem sehr darauf geachtet, dass den Schülerinnen und Schülern der ressourcenschonende Umgang mit den Rohstoffen der Natur beigebracht wird. In diesem Zusammenhang findet Unterricht auch oft naturnah statt, d.h. die Schülerinnen und Schüler lernen von oder in oder mit der Natur. So konnten wir derart gestalteten Unterricht simuliert miterleben, in dem z.B. die Kontinente der Welt im Erdkundeunterricht mithilfe von Schnüren im Schnee nachgelegt werden mussten.
Die Kernaspekte des finnischen Schul- und Bildungssystems lassen sich wie folgt zusammenfassen:
– Freude am Lernen empfinden (joy of learning),
– Befähigung zum kritischen Denken entwickeln und festigen (critical thinking),
– Kreativität fördern (creativity),
– angenehme, zum Wohlfühlen geeignete Lernumgebung schaffen (learning environment),
– Lernende ermutigen und individuell unterstützen (encouragement),
– fairer Umgang mit- und untereinander fördern (fairness),
– Förderung von Selbstwertgefühl (self-esteem),
– Wecken von Neugier (curiosity),
– Verantwortungsbewusstsein entwickeln und stärken (responsibility),
– Gemeinschaftssinn und -geist stärken und ausbauen (sense of community),
– jedes Kind hat gleiche Chancen auf Bildung (equal educational opportunities).
An diesen Kernaspekten orientieren sich der gesamte Schulalltag und die gesamten Curricula der verschiedenen Schulformen. Entsprechend erhalten angehende Lehrkräfte neben ihren fachlichen universitären Abschlüssen sehr fundierte pädagogische Kenntnisse, was die Lehrerausbildung in Finnland insgesamt sehr umfangreich und anspruchsvoll gestaltet.
Falk Gelbowicz & Aleksander Nikolla

